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Erdbeben in der Kunst

Nicht nur Wissenschaftler beschäftigen sich mit Erdbeben, auch Künstler aus den verschiedensten Sparten fasziniert und inspiriert dieses Naturphänomen.

Lauschen Sie den Klängen von Erdbeben, betrachten Sie Bilder und Fotografien oder tauchen Sie in die Welt des Tanzes und Theaters ein.

Art

Das Tanzstück “Fault Lines” erzählt auf intime Weise von den lebensverändernden Folgen eines grossen Erdbebens, wobei alle Beteiligten genau wissen, wovon sie sprechen beziehungsweise tanzen. Jede/r der über 20 Tänzer/innen erlebte selber das Erdbeben in Sichuan (China) im Jahr 2008, welches mit einer Magnitude von 7.9 über 69‘000 Todesopfer forderte. Eine ähnliche Erfahrung machte Sara Brodie (die Choreographin des Stücks) mit dem verheerenden Erdbeben in Christchurch (Neuseeland) im Jahr 2010 mit einer Magnitude von 7.1.

Schauen Sie sich das Video über die bewegende Performance “Fault Lines” an (© Melbourne Festival).

Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit in visueller Kommunikation an der Zürcher Hochschule der Künste verbrachte Ramona Tschuppert einen Tag im Erdbebensimulator des SED. Sie realisierte eine Versuchsreihe, in der sie eigens kreierte Belichtungsmethoden anwendete, während im Simulator die Daten realer Erdbeben abgespielt wurden. Die unterschiedlichen Erschütterungen brachten faszinierende Aufnahmen hervor.

© Die Rechte der Bilder dieses Beitrages liegen bei Ramona Tschuppert.

Schauen Sie sich einen kurzen Ausschnitt aus Ramona Tschupperts Arbeit im Erdbebensimulator an (der Behälter mit dem Wasser und dem Streifenraster steht auf dem Boden des Simulators).

Der Planet Erde ist ein dynamisches System, in welchem es ständig zu klein- und grossräumigen Bewegungen kommt. Diese wirken über riesige Zeitskalen von Jahrmillionen bis in den Millisekundenbereich. Was, wenn wir diese Bewegungen hören könnten? Genau das ermöglichen Wolfgang Loos (Berliner Komponist und Tonmeister) und Frank Scherbaum (Professor für Geophysik an der Universität Potsdam). Sie verwandelten seismische Daten von Erdbeben und Vulkanen während nächtelanger Arbeit im Tonstudio in die klangvolle Sinfonie „Inner Earth“.

Hören Sie ein Originalstück von der CD „Inner Earth“ (© Traumton Records).

Hören Sie den Beitrag von Radio SRF 2 Kultur über „Inner Earth“ (© SRF).

 

Frank Scherbaum:

Die Erde ist kontinuierlich in Bewegung. Das spielt sich zwar auf Zeitskalen ab, die wir nicht unbedingt wahrnehmen. Die Erde bildet auf Zeitskalen von Millionen Jahren Gebirge, auf Zeitskalen von Sekunden vibriert sie die ganze Zeit durch Wind und durch Verkehr. Die Erde ist nicht still, sondern die Erde ist kontinuierlich in Bewegung. […] Alles das, was schwingen kann, kann auch klingen.

Wolfgang Loos:

Am Anfang waren die Ergebnisse völlig enttäuschend. Wenn man das in den hörbaren Bereich transformierte, britzelte es oder machte einen kurzen ‚Plopp‘, einen kurzen Krach. Das war alles gar nicht so, dass man sich das interessiert anhören konnte. […] Was ich aber bei weiteren Arbeiten gefunden habe, sind Melodien, ganz grosse, lange Bögen. Diese seismischen Messungen ziehen sich ja über Tage, Wochen, Monate hinweg. Wenn ich diese in den hörbaren Bereich transformiere und dabei auch verkürze, habe ich Material, das 10, 20, 30 Sekunden lang ist. Und dann hört man auch die Strukturen, die man erwartet. Man hört eine gewisse Oberton-Regelmässigkeit aber auch interessante Abweichungen davon. Man könnte die nie mit einem Synthesizer nachstellen.

Aus dem Beitrag von Radio SRF 2 Kultur.

Die Zürcher Künstlerin Irene Weingartner hat über mehrere Jahre hinweg ein System entwickelt, um seismographische Aufzeichnungen herzustellen. Dabei empfängt der Körper Signale aus der Umgebung. Das Hirn wandelt diese um und leitet sie an Arm sowie Hand weiter, wo sie mit Pinsel und Tusche auf Papier gebracht werden. So entstehen Werke, die auf den ersten Blick den Eindruck eines gestrichelten Durcheinanders erwecken. Schaut man jedoch genauer hin, entdeckt man diverse Strukturen, welche zu eigenen Interpretationen anregen. Jede in dieser Bildergalerie gezeigte seismographische Aufzeichnung entstand innerhalb eines mehrwöchigen Arbeitsprozesses in Weingartners Atelier in Zürich.

© Die Rechte der Bilder dieses Beitrages liegen bei Irene Weingartner.

Von Oktober bis November 2011 wurde im Theater Neumarkt in Zürich das Stück „Können wir uns die Katastrophen nicht sparen, Herr Calvin?“ aufgeführt. Darin beauftragt der Schweizer Bundesrat vier Hollywoodstars, einen Katastrophenfilm zu drehen. Das Ziel besteht darin, den lange verschonten Schweizern durch ein grosses Erdbeben den Atem zu rauben, damit sie näher zusammenrücken. Geschrieben hat das Theaterstück der Berliner Autor Jörg Albrecht.

Schauen Sie sich den Beitrag aus der Sendung „Kulturplatz“ über das actionreiche Theaterstück (® SRF) an.

Lesen Sie einen kurzen Auszug aus dem original Stücktext (® Rowohlt Theaterverlag):

Der Bundesrat spricht im Chor

Liebe Stars, willkommen im Schweizer Immunsystem, mit seiner immunen Geschichte, Geschichte?, Geschichte!, schreiben wir gemeinsam Geschichte, eine kurze, noch viel kürzer als die kurze Geschichte der Schweiz, eine Geschichte, die verhindert, was möglich ist, denn: Das 21. Jahrhundert wird schlimm, denken immerhin zweiundvierzig Prozent der Schweizer, und obwohl wir seit Jahren alles tun, seit Jahrzehnten, alles, länger noch, ALLES, seit dem Schwur auf der grünen Wiese alles tun, um zu üben, mit Erdbebenseminaren, Wirbelsturmworkshops, Wiederholungskursen, alles tun, um uns an den Gedanken zu gewöhnen, auch uns könnte ein Hurricane heimsuchen, ein Killerbienenschwarm, fehlt uns dennoch eine Erfahrung, oder nein, sie fehlt nicht, sie ist da, wir müssen sie nur aktivieren, aktualisieren, updaten, sie ist nicht oben, bringt sich nicht genug ein ins kollektive Bewusstsein, damit die Schweiz sich nicht nur selbst liest, selbst sieht, sich um sich dreht, sich um sich um sich um sich um sich um, was tun?, ein Film?, ein Film!, nur EIN FILM kann das schaffen, in ganz groß, durch euch Stars so was von hey wow groß, ein Film, durch den unsere Schweizer all das fühlen, die Gefühle in so einer Katastrophe fühlen, damit wir auch außer Atem kommen, nicht sparen mit unserem Atem, unserem, unserem, unserem, mit, unserem, also: Dreht uns diesen Film, unseren Schweizfilm, der die Schweiz durchschütteln wird, damit ihr als Helden sie retten könnt, als eine Art Regierung, Übergangsregierung, damit jeder lernt, was das sind: STARS, denn die kennen wir nicht, hier, wo Höhen und Tiefen sehr nah beieinander sind, liebe Stars, lasst euch hinbringen, wo ihr so gern seid: in die Höhe, denn wir wollen Höhen, wollen Tiefen, und dieses Wir, in unserem Schweizfilm, Schweizkatastrophenfilm, dieses Wir seid ihr, viel Glück!