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Archiv Aktuelles 2020

23.06.2020

Beben bei Vallorcine (F)

Beben bei Vallorcine (F)

Am Dienstag, 23. Juni 2020, ereignete sich um 08:25 Uhr (Ortszeit) ein Erdbeben bei Vallorcine (F) nahe der Schweizer Grenze mit einer Magnitude 3.8 und einer Tiefe von ca. 5 km.

Das Erdbeben wurde weiträumig verspürt, insbesondere im Rhonetal, von Sitten bis zum Genfersee. Beim SED gingen in der Stunde nach dem Beben über 250 Verspürtmeldungen ein. Bei einem Erdbeben dieser Stärke sind keine Schäden zu erwarten.

In der Region von Vallorcine kommt es seit einem Beben mit einer Magnitude von 4.9 am 8. September 2005 immer wieder zu kleineren Beben. Etwa 15 davon waren stark genug, um von der lokalen Bevölkerung verspürt zu werden.

26.05.2020

Beben in den Glarner Alpen

Beben in den Glarner Alpen

Am Dienstag, dem 26. Mai 2020, hat sich um 07:50 Uhr Ortszeit etwa 3 km westlich von Elm (GL), im Sernftal, in einer Tiefe von ungefähr 4 km ein Erdbeben der Magnitude 3.1 ereignet. Bei einem Erdbeben dieser Stärke sind in der Regel keine Schäden zu erwarten.

Die Erschütterungen wurden in der Nähe des Epizentrums teilweise deutlich wahrgenommen. Am Schweizerischen Erdbebendienst der ETH Zürich gingen aber fast keine Verspürtmeldungen aus Entfernungen über 20 km ein.

In den vergangenen Jahren haben sich in diesem Gebiet vereinzelt spürbare Beben ereignet. Am 6. März 2017 erschütterte ein Beben der Magnitude 4.6 die ganze Innerschweiz. Sein Epizentrum lag aber 15 km weiter westlich, bei Urnerboden. Ebenso wie das heutige Beben ereignete sich auch das Urnerboden Beben in etwa 4 km Tiefe. Erdbeben in diesem Teil der Alpen liegen meistens weniger als 5 km tief, und damit relativ nah an der Oberfläche.

29.04.2020

COVID-19-Massnahmen reduzieren das seismische Rauschen auch in der Schweiz

Seismische Messstationen zeichnen nicht nur Erdbebenwellen auf, sondern auch Erschütterungen anderer Ursachen, das sogenannte seismische Hintergrundrauschen. Diese stete Unruhe der Erde ist zum Teil vom Menschen verursacht, beispielsweise durch den Strassenverkehr oder industrielle Tätigkeiten, die Vibrationen in der Erdkruste erzeugen, typischerweise mehr am Tag und weniger in der Nacht und am Wochenende. Aber auch Wind, Wellen und Wetter bringen die Erde kontinuierlich zum Zittern. Wie internationale Studien zeigten, hat sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie die Stärke des menschengemachten seismischen Hintergrundrauschens an vielen Orten vermindert. Die Messstationen registrieren somit indirekt die Effekte des Lockdowns und der damit verbundenen reduzierten menschlichen Aktivität. Der Schweizerische Erdbebendienst an der ETH Zürich kann diesen Effekt auch in der Schweiz feststellen.

Besonders an den Stationen des nationalen Starkbeben-Netzwerkes (SSMNet), die oft in städtischen Gebieten liegen, nahm das seismische Hintergrundrauschen teilweise deutlich ab, beispielsweise in Martigny, Zürich, Basel oder Genf. In diesen Städten war das Hintergrundrauschen an Werktagen seit Beschluss der ausserordentlichen Lage nahezu so gering wie sonst an den Wochenenden vor dem Lockdown. Zusätzlich sind die Nächte auf den Samstag und Sonntag seit dem Lockdown deutlich ruhiger als gewöhnlich: Die Werte des seismischen Rauschens sanken an den Wochenendabenden auf das Niveau eines regulären Abends eines Werktages in den Städten. Normalerweise ist das seismische Rauschen in den Nächten an den Wochenenden stärker als in den Nächten von Montag bis Freitag.

Für ländliche oder alpin gelegene Stationen des nationalen Breitband-Netzwerks (SDSNet) ist das Hintergrundrauschen dagegen nur gering vermindert, denn diese Gebiete werden sehr viel weniger von Vibrationen durch Strassenverkehr, Zügen und anderen menschlichen Aktivitäten beeinflusst. Lokal können starke Winde und andere Wettereinflüsse aber auch zu erhöhten Werten des Hintergrundrauschens führen, wie es möglicherweise in der Nordostschweiz während des Untersuchungszeitraums (23. bis 29. März 2020) der Fall war.

Infolge der ausserordentlichen Lage in der Schweiz können die Messstationen nun auch etwas kleinere Erdbeben aufzeichnen, deren Signale ansonsten im Hintergrundrauschen verschwinden würden. Der COVID-19-Lockdown sorgt also in Teilen der Schweiz für eine erhöhte Empfindlichkeit der Erdbebenüberwachung, dieser Effekt ist allerdings mit 0.1 bis 0.2 Magnituden-Einheiten nicht allzu gross. Zum Vergleich: Durchschnittlich liegt die Überwachungsempfindlichkeit während den Nachtstunden rund 0.5 Magnituden-Einheiten höher, als während den Werkstunden am Tag. Neuste Daten zeigen an manchen Stationen, dass das seismische Hintergrundrauschen in den letzten Tagen wieder leicht zugenommen hat. Aussagen über die Einhaltung des Lockdown lassen sich aber aus diesen Daten nicht ableiten.

18.03.2020

Erdbeben bei Vevey

Erdbeben bei Vevey

Am Mittwoch, den 18. März 2020, ereignete sich um 02:54 Uhr Ortszeit ein Erdbeben der Magnitude 2.6 rund 10 km östlich von Vevey (VD). Die Tiefe des Bebens lag in ungefähr 9 km.

Das Epizentrum lag in der Gemeinde Montbovon (FR). Zahlreiche Personen in der Region haben das Beben verspürt.

Innerhalb des letzten Jahres gab es in der östlichen Genferseeregion mehrere, meist schwächere Erdbeben. Das stärkste Erdbeben des vergangenen Jahres in dieser Region ereignete sich am 28.05.2019 rund 13 km südwestlich von Vevey mit einer Magnitude von 4.2.

17.02.2020

LabQuake: Erdbeben im Labor untersuchen wie nie zuvor

LabQuake: Erdbeben im Labor untersuchen wie nie zuvor

Anfang Februar erhielt der Schweizerische Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich eine ganz besondere Lieferung: eine 11 Tonnen schwere und 2.4 x 2.5 x 1 Meter grosse Maschine, die kleine Erdbeben in handflächengrossen Gesteinsproben unter Bedingungen auslösen kann, wie sie in der Erdkruste in 4 bis8 km Tiefe vorherrschen. Das Gerät heisst LabQuake und wurde im «Rock Physics and Mechanics Laboratory» installiert, das Dr. Claudio Madonna leitet. Mit dem LabQuake eröffnet sich dem SED eine neue Forschungsrichtung, die Labor-Seismologie. Deren Ziel besteht darin, die Physik von induzierten Erdbeben besser zu verstehen, wie sie beispielsweise im Rahmen von Stimulationen bei tiefen Geothermieprojekten auftreten. Dr. Paul Selvadurai leitet die neu gegründete Forschungsgruppe.

Um ein besseres Verständnis von Naturphänomenen zu entwickeln, untersuchen Wissenschaftler oft komplexe Probleme im Labor. Dort lässt sich das Umfeld kontrollieren, Versuche wiederholen und ein dichtes Netz von Sensoren anbringen. Mit LabQuake induzieren Wissenschaftler Zehntausende sehr kleiner Erdbeben in Gesteinsproben. Diese so genannten nanoseismischen Ereignisse setzen so viel Energie frei wie der Flügelschlag eines Insekts. Die Sensoren beobachten , wie Erdbeben entstehen, was sie steuert und warum sie aufhören. LabQuake ist mit verschiedenen Messgeräten ausgestattet, welche die Entwicklung der Nanoseismizität, die Spannung und den Porendruck in der Gesteinsprobe sehr genau messen.

Weltweit einzigartig

LabQuake setzt maximal 7,6 cm grosse Gesteinsproben den Bedingungen einer tiefen Geothermieanlage aus: Temperaturen von bis zu 170  Celsius und einem Druck von 170 MPa, dieser entspricht etwa 1’678 Atmosphären oder einer 17,3 km hohen Wassersäule. Die maximale Kraft, welche die Wissenschaftler auf die Gesteinsproben einwirken lassen können, ist dem Gewicht von 125 mittelgrossen Geländewagen gleichzusetzen (etwa 2’500 kN).

Eine der ersten Anwendungen von LabQuake wird die Wiederholung von Versuchen mit Gesteinsproben sein, die in Untergrundlaboren gesammelt wurden. LabQuake ergänzt auf ideale Weise Versuche im Dekameterbereich (10 Meter), die im Rahmen des ISC-Projekts (In-situ Stimulation and Circulation) im Felslabor Grimsel durchgeführt wurden. Die Wissenschaftler testen Annahmen aus diesem Projekt und skalieren sie auf LabQuake herunter. Anschliessend skalieren sie ihre neuen Erkenntnisse hoch und wenden sie erneut in Feldexperimenten an, die im Bedretto Underground Laboratory for Geoenergies durchgeführt werden. Somit schliesst LabQuake die Lücke zwischen Projekten verschiedener Grössenordnungen und trägt zur Verbesserung ihrer Genauigkeit und Erfolgsquote bei.

Die Finanzierung von LabQuake in der Höhe von etwa 1.2 Millionen Schweizer Franken wurde mit der Anschubfinanzierung des Startup-Fonds der Professur Wiemer sowie mit Beiträgen des R'Equip-Programms des SNF, des Ausrüstungsprogramms der ETH und des Departements Erdwissenschaften sichergestellt.

Die Anlieferung des LabQuake beim SED zeigt dieses Zeitraffer-Video.

28.05.2020

Weiterhin aktive Erdbebensequenz im Glarnerland

Seit Dienstag, dem 26. Mai 2020, ist im Sernftal (westlich von Elm GL) eine Erdbebensequenz aktiv. Sie begann um 07:50 Uhr Ortszeit mit einem Beben der Magnitude 3.1 (siehe vorangegangener Beitrag). Seitdem und bis am Mittag des 28. Mai 2020 konnten mit dem Messnetz des Schweizerischen Erdbebendienstes an der ETH Zürich (SED) 13 weitere Beben mit hoher Qualität lokalisiert werden. Die beiden stärksten Beben hatten Magnituden von 2.9 und 2.8 und wurden jeweils am Mittwoch, um 02:55 Uhr und 09:11 Uhr, nahe beim Epizentrum schwach verspürt.

Die Grafik oben zeigt, wie sich die Bebenaktivität über die Zeit entwickelt hat. Die Abbildung umfasst einerseits die 22 lokalisierten Beben (rot umrandet; darunter neun Beben geringerer Lokalisierungsqualität, die nicht im Erdbebenkatalog erscheinen). Anderseits sind weitere, sehr kleine Ereignisse abgebildet. Diese konnten nachträglich durch einen systematischen Vergleich der Wellenformen ermittelt werden; jene der kleinen Beben weisen ähnliche Muster auf wie die der standardmässig aufgezeichneten. Die dazu angewendete Methode des «template-matching» wird derzeit am SED erforscht und weiterentwickelt. Sie ermöglicht, solche Sequenzen noch besser zu verstehen.

In vorherigen Beitrag wurde bereits auf die Nähe zum Urnerboden Erdbebenschwarm von 2017 hingewiesen. In etwas kleinerer Entfernung ereignete sich 10 km westlich der aktuellen Beben am 17. März 2001 ein Beben der Magnitude 3.8 bei Linthal (GL). Im Gebiet der aktuellen Sequenz registrierte der SED bereits im Sommer 1987 eine ähnliche Erdbebenserie von damals 34 Erdbeben, die über einen Monat dauerte. Das stärkste Beben hatte eine Magnitude von 2.4. Eine Relativlokalisierung der Erdbeben zueinander zeigte, dass sie alle entlang einer fast senkrechten Störung auftraten, die Ost-West orientiert ist. Die Bewegung ist dabei dextral: Das heisst, dass egal auf welcher Seite der Verwerfung man sich befindet, die gegenüberliegende Seite sich nach rechts bewegt.

Erste vorläufige Untersuchungen der bisher aufgezeichneten Beben scheinen die fast gleiche Verwerfungsgeometrie für die jetzige Sequenz zu zeigen. Das deutet darauf hin, dass aktuell das selbe Verwerfungssystem wie 1987 reaktiviert wurde. In diesem Teil der Alpen sind aus der Oberflächengeologie sowohl solche Ost-West streichende Störungen bekannt, wie auch Nord-Süd streichende. Wie schon in der Sequenz von 1987 deuten vorläufige Analysen darauf hin, dass die aktuellen Beben relativ oberflächennah auftreten. Mit einer Tiefe von ca. 2 km liegen sie wahrscheinlich im Kontaktbereich zwischen Sedimentüberdeckung und kristallinem Grundgebirge. Aufgrund bestehender Unsicherheiten in der Tiefenbestimmung ist eine genauere Einschränkung derzeit noch nicht möglich.

Obwohl sich die seismische Aktivität in den letzten 24 Stunden verringert hat, ist es schwierig, eine Prognose über die Erdbebenaktivität in den nächsten Tagen und Wochen zu machen. Solche Schwärme können erfahrungsgemäss sehr unterschiedlich verlaufen. Es ist aber immer noch möglich – wenn auch wenig wahrscheinlich – dass weitere, noch stärkere Beben auftreten werden. Allgemein kann daran erinnert werden, dass grössere Erdbeben mit einer Magnitude von 6 oder mehr zwar selten sind, in der Schweiz aber überall und jederzeit auftreten können. Im Durchschnitt ist in der Schweiz alle 50 bis 150 Jahre mit einem Erdbeben mit einer Magnitude von etwa 6 zu rechnen.

19.05.2020

Erdbeben bei Sion

Erdbeben bei Sion

Am Dienstag, den 19. Mai 2020, ereignete sich um 08:10 Uhr Ortszeit ein Erdbeben der Magnitude 2.1 im Rhonetal, östlich von Sion (VS). Die Tiefe des Bebens lag in ungefähr 6 km. Trotz seiner relativ geringen Magnitude wurde das flache Erdbeben von zahlreichen Personen verspürt: Innerhalb von rund zwei Stunden nach dem Beben gingen beim Schweizerischen Erdbebendiest rund 80 Verspürtmeldungen ein, die meisten davon in Sion selbst und alle in einem Umkreis von nur 10 km. Das Rhonetal ist eine Region mit einer der grössten Erdbebengefährdungen in der Schweiz.

07.04.2020

Geothermieprojekt Haute-Sorne – Kanton erwägt Genehmigung zurückzuziehen

Geothermieprojekt Haute-Sorne – Kanton erwägt Genehmigung zurückzuziehen

In der jurassischen Gemeinde Haute-Sorne war vorgesehen, ein petrothermales Tiefengeothermieprojekt zur Stromerzeugung zu errichten. Die Frage nach dem mit dem Projekt verbundenen seismischen Risiko wurde vom Kanton erneut aufgeworfen, nachdem sich im November 2017 nahe der südkoreanisches Stadt Pohang ein Erdbeben mit einer Magnitude von 5.5 ereignet hat (siehe Aktuellbeitrag vom 24.05.2019 für eine Übersicht). Auslöser des Bebens war ein petrothermales Tiefengeothermieprojekt in unmittelbarer Nähe. Die Geo-Energie Suisse AG (GES), welche das Projekt in Haute-Sorne plant und betreiben möchte, wurde daraufhin von Kanton Jura aufgefordert, ihre Risikobeurteilung im Lichte der Erkenntnisse aus Südkorea neu zu bewerten. Anschliessend erhielt der Schweizerische Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich vom Kanton das Mandat, die aktualisierte Risikobeurteilung der GES zu prüfen.

Am 6. April 2020 hat der Kanton Jura den Bericht des SED veröffentlicht und seinen Entscheid für das weitere Vorgehen bekannt gegeben: Er erwägt, die Genehmigung für das Tiefengeothermieprojekt in Haute-Sorne zurückzuziehen. Alle Informationen sind auf folgender Seite publiziert: https://www.jura.ch/CHA/SIC/Centre-medias/Communiques-2020/Le-Gouvernement-envisage-de-revoquer-l-arrete-d-approbation-du-plan-special-cantonal-Projet-pilote-de-geothermie-profonde-a-Ha.html#

24.02.2020

Bebenaktivität auf dem Mars

Bebenaktivität auf dem Mars

Mars ist seismisch aktiv. Das zeigen erste wissenschaftliche Analysen von Forschenden der ETH Zürich und ihren Partnern fünfzehn Monate nach der erfolgreichen Landung der NASA-InSight-Mission auf dem Planeten. Die aufgezeichneten Daten ermöglichen es, das Marsinnere näher zu bestimmen und erfüllen damit ein wichtiges Ziel der InSight-Mission.

Am 26. November 2018 setzte der InSight-Lander der NASA in der Region Elysium Planitia erfolgreich auf dem Mars auf. Siebzig Marstage später begann das Seismometer «SEIS» der Mission, Erschütterungen des Planeten aufzuzeichnen. Ein Team von Forschenden und Ingenieuren der ETH Zürich hat unter der Leitung von ETH-Professor Domenico Giardini die Steuerelektronik für SEIS entwickelt und ist für den Marsbebendienst verantwortlich. Mit dem Eintreffen der ersten Daten nahm der Marsbebendienst seinen vollen Betrieb auf. Täglich analysieren und interpretieren die Forschenden des Schweizerischen Erdbebendienstes an der ETH Zürich die eingehenden Daten gemeinsam mit der Forschungsgruppe Seismologie und Geodynamik (SEG) sowie internationalen Partnern. Aufgrund von eingeschränkten Datenübermittlungsraten wird jeweils nur ein Bruchteil der Aufzeichnungen automatisch an die Erde übermittelt. Erst wenn der Marsbebendienst Auffälligkeiten in den Daten entdeckt, fordert er die Übermittlung des gesamten Datenpakets für den entsprechenden Zeitraum, um die betreffende Sequenz eingehend zu studieren.

Nun hat die Zeitschrift Nature Geoscience eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, welche über die Ergebnisse der Mission bis Ende September 2019 auf dem Mars berichten. In diesem Zeitraum hat InSight 174 Ereignisse aufgezeichnet. Zwischenzeitlich wurden die Messungen fortgesetzt und insgesamt über 450 Marsbeben beobachtet, die noch nicht alle detailliert ausgewertet werden konnten. Das entspricht im Durchschnitt etwa einem Ereignis pro Tag. Die Daten ermöglichen den Forschenden festzustellen, wie sich seismische Wellen durch den Planeten ausbreiten. Ähnlich wie Röntgenstrahlen durchdringen sie das Planenteninnere und machen dessen Beschaffenheit sichtbar. Vor der Landung von InSight hatten Forschende ein breites Spektrum an Modellen entwickelt, die aufzeigen, wie sich die innere Struktur des Planeten möglicherweise entwickelt hat. Die aufgezeichneten Marsbeben erlauben es nun bereits nach wenigen Monaten besser zu verstehen, wie der Planet aufgebaut ist und räumen bisher bestehende Ungewissheiten aus.

Marsbeben ähneln Erdbeben, haben in der Regel aber kleinere Magnituden. Die 174 in den Artikeln beschriebenen Marsbeben lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Zur ersten gehören 24, niederfrequente Erschütterungen mit Magnituden zwischen 3 und 4, deren Wellen sich durch den Marsmantel ausbreiten. Zur zweiten gehören 150 Ereignisse mit vergleichsweise kleineren Magnituden, geringerer Herdtiefe und Wellen mit höherer Frequenz, die in der Kruste des Mars gefangen bleiben. «Marsbeben weisen ähnliche Eigenschaften auf, wie sie bereits während der Apollo-Ära auf dem Mond beobachtet wurden. Sie dauern lange (10 bis 20 Minuten), da ihre Wellen aufgrund von Eigenheiten der Marskruste stark streuen», erläutert ETH-Professor Giardini. In der Regel, so Giardini, ist es schwierig, Marsbebendaten zu interpretieren. In den meisten Fällen kann man nur die Entfernung bestimmen, aber nicht die Richtung, aus der die Wellen kommen.

InSight leitet eine neue Ära der planetaren Seismologie ein. Die Leistungsfähigkeit des SEIS hat bislang die Erwartungen übertroffen. Insbesondere in Anbetracht der rauen Bedingungen auf dem Mars, die jeden Tag von Temperaturen zwischen minus 80 und 0 Grad Celsius und von starken Winden gekennzeichnet sind. Vor allem tagsüber schütteln diese Winde den InSight-Lander und seine Instrumente, was zu vielen Störgeräuschen führt. Bei Sonnenuntergang legen sich aber die Winde und ermöglichen es, die bisher leisesten seismischen Daten des gesamten Sonnensystems aufzuzeichnen. Die von SEIS erkannten Beben haben sich daher vorwiegend in den ruhigen Nachstunden ereignet. Die schwierigen Bedingungen machen es zudem herausfordernd, seismische Ereignisse von anderen Signalen zu unterscheiden, die von Bewegungen des Landers, von anderen Instrumenten oder von der Atmosphäre stammen.

SEIS erfasst auch das Hämmern der Wärmeflusssonde HP3 (ein weiteres InSight-Experiment) sowie vorbeiziehende Wirbelwinde (Staubteufel). Dies ermöglicht es, die physikalischen Eigenschaften der unmittelbar unter SEIS liegenden Bodenschichten abzubilden. Daher ist bekannt, dass SEIS auf einer dünnen, sandigen Schicht von wenigen Metern Tiefe gelandet ist, die in Mitte eines 20 Meter grossen alten Einschlagkraters liegt. In grösserer Tiefe weist die Marskruste Eigenschaften auf, die mit den kristallinen Grundgebirgen der Erde vergleichbar sind. Sie scheint aber stärker zerklüftet zu sein. Die Art und Weise wie sich die seismischen Wellen ausbreiten legt zudem nahe, dass der obere Mantel diese im Vergleich zum unteren Mantel stärker dämpft.

Bisher wurden in der Nähe der Station keine Marsbeben aufgezeichnet, was darauf hindeutet, dass InSight in einer seismisch eher ruhigen Region des Mars gelandet ist. Die drei grössten Ereignisse ereigneten sich in der Region Cerberus Fossae, die etwa 1’500 km entfernt liegt. Dabei handelt es sich um ein tektonisches Grabensystem, das durch das Gewicht des Elysium Mons, des grössten Vulkans in der Elysium-Planitia-Region, verursacht wurde. Es besteht daher die starke Vermutung, dass die seismische Aktivität auf dem Mars nicht nur eine Folge der Abkühlung und damit des Schrumpfens des Planeten ist, sondern auch durch tektonische Spannungen verursacht wird. Die gesamte auf dem Mars freigesetzte seismische Energie liegt zwischen derjenigen der Erde und derjenigen des Mondes.

In Verbindung mit anderen Messungen sind die mit SEIS gewonnen Daten zudem sehr nützlich, um meteorologische Prozesse auf dem Mars besser zu verstehen. Das Seismometer erfasst nicht nur Winde, sondern reagiert auch auf atmosphärischen Druck, was es erlaubt, die für den Mars charakteristischen meteorologischen Phänomene zu bestimmen. Dazu gehören unter anderem die nachmittäglich am Lander vorbeiziehenden Wirbelwinde.

Detaillierte Informationen zu den seismischen Auswertungen sowie weitere Erkenntnisse der InSight-Mission finden Sie in den kürzlich in Nature Geosciences veröffentlichten Artikel: The seismicity of Mars, Crustal and time-varying magnetic fields at the InSight landing site on Mars, The atmosphere of Mars as observed by InSight, Initial results from the InSight mission on Mars

Weitere Informationen über die InSight-Mission der NASA finden Sie auf https://mars.nasa.gov/insight/ und Näheres über die Beteiligung der ETH Zürich an InSight auf www.insight.ethz.ch

25.01.2020

Erdbeben im Turtmanntal (VS)

Erdbeben im Turtmanntal (VS)

Am Samstag, den 25. Januar 2020, ereignete sich um 20:13 Uhr (Ortszeit) ein Erdbeben der Magnitude 3.0 in einer Tiefe von ca. 4 km unterhalb des Turmanntals (VS) zwischen dem Val d’Anniviers und dem Mattertal.

Das Erdbeben wurde weiträumig verspürt, insbesondere im Rhonetal und Mattertal. Beim SED gingen in der Stunde nach dem Beben über 100 Verspürtmeldungen ein. Bei einem Erdbeben dieser Stärke sind keine Schäden zu erwarten.

Kurz zuvor, um 20:07 (Ortszeit), ereignete sich westlich von Realp (UR) ein Beben mit einer Magnitude von 2.4 bei einer Tiefe von rund 9 km, welches jedoch kaum verspürt wurde. Zwischen diesen beiden Beben gibt es keinen direkten Zusammenhang.

14.01.2020

Erdbeben in der Schweiz im Jahr 2019

Im vergangenen Jahr haben sich in der Schweiz und im grenznahen Ausland doppelt so viele spürbare Erdbeben ereignet wie im langjährigen Durchschnitt. Aus der Bevölkerung gingen beim Schweizerischen Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich zu beinahe fünfzig der insgesamt 1'670 aufgezeichneten Erdbeben fünf oder mehr Verspürtmeldungen ein. Die Mehrheit der Beben steht in Zusammenhang mit fünf aktiven Erdbebensequenzen, welche die Erdbebenaktivität im Jahr 2019 geprägt haben. Eine davon lag im Wallis im Gebiet zwischen Anzère und dem Sanetschpass. Die vier weiteren ereigneten sich im Grenzgebiet zur Schweiz bei Courmayeur (I), Novel (F), Konstanz (D) sowie Chamonix (F).

Erdbeben treten in der Schweiz oft in Form von Sequenzen auf, die auch Erdbebenschwärme genannt werden und sich durch eine zeitliche Häufung von Beben an einen bestimmten Ort auszeichnen. Ungewöhnlich am vergangenen Jahr ist die Anzahl der sehr aktiven Erdbebensequenzen, infolge derer sich mehr spürbare Beben als üblich ereigneten und so viele Beben aufgezeichnet wurden wie noch nie seit Beginn der modernen Erdbebenüberwachung in den 1970er Jahren. Für Menschen spürbare Beben weisen in der Regel eine Magnitude von 2.5 oder mehr auf. Eine ähnliche Häufung von wahrnehmbaren Beben trat letztes Mal im Jahr 1964 auf, als bei Sarnen (OW) über mehrere Monate eine ausgeprägte Erdbebensequenz mit Beben von Magnituden von bis zu 5.3 die Bevölkerung stark beunruhigte. Eine so hohe Erdbebenaktivität wie im Jahr 2019 ist zwar selten, aber weder unerwartet noch ein Hinweis auf eine erhöhte Erdbebengefährdung in den nächsten Monaten und Jahren.

Am meisten Beachtung in der Bevölkerung erlangte ein Erdbebenschwarm im Wallis mit 16 spürbaren Beben, zu denen aus der Bevölkerung insgesamt etwa 2'000 Verspürtmeldungen eingingen. In der ersten Novemberhälfte ereigneten sich nördlich von Sion zwischen Anzère und dem Sanetschpass insgesamt mehr als 300 Beben, die zwei grössten mit einer Magnitude von 3.3. Erste Analysen deuten darauf hin, dass bei dieser Sequenz mehrere Verwerfungen gleichzeitig aktiviert wurden, die sich gegenseitig beeinflussten. Im Unterschied dazu weist die Bebenaktivität auf der Halbinsel Bodanrück in der Nähe von Konstanz (D) auf eine einzelne aktivierte Struktur im Untergrund hin. Die Beben dort zeigen alle einen ähnlichen Bruchmechanismus. Dieser Schwarm mit insgesamt sieben spürbaren Beben verweist auf eine seismisch aktive Grabenstruktur in der Region Hegau-Bodensee.

Das grösste Beben im Jahr 2019 mit einer Magnitude von 4.2 ereignete sich Ende Mai als Teil des Erdbebenschwarms bei Novel (F). Aus der Bevölkerung erreichten den SED alleine zu diesem Ereignis 600 Verspürtmeldungen. Das zweitstärkste Beben trat in Zusammenhang mit dem Schwarm bei Konstanz (D) mit einer Magnitude von 3.7 auf. Mit 410 Beben verzeichnet die schon länger aktive Sequenz bei Courmayeur (I) im Bereich des Mont-Blanc-Massivs die grösste Anzahl an Ereignissen im Jahr 2019. 

Die Gesamtanzahl von 1’670 aufgezeichneten Beben stellt einen neuen Rekord dar. Neben der hohen Erdbebenaktivität im vergangenen Jahr ist dieser auch eine Folge der fortschreitenden Verdichtung und Modernisierung des seismischen Messnetzes. Für Seismologinnen und Seismologen sind mehr aufgezeichnete Beben hilfreich, weil sie es erlauben, den Untergrund und die Seismotektonik der Alpen zunehmend detaillierter abzubilden. Damit lassen sich unter anderem die Grundlagen für zukünftige seismische Gefährdungs- und Risikoabschätzungen verbessern.

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