Am Abend des 24. Juni um 18:04 Uhr Ortszeit ereignete sich ein Erdbeben der Magnitude 7.2 im Norden von Venezuela, etwa 200 km westlich der Hauptstadt Caracas. Etwa eine halbe Minute später folgte ein weiteres Beben der Magnitude 7.5. Aufgrund ihrer Stärke und der geringen Tiefe von 10 bis 20 Kilometern verursachten die beiden Beben sehr starke Schäden an Gebäuden mit vermutlich tausenden bis zehntausenden Toten. Das Schadensgebiet ist sehr gross und betrifft auch die Hauptstadt.
Beide Erdbeben ereigneten sich in der Nähe der Kleinstadt Yumare im Bundesstaat Yaracuy. Gemäss der ersten Einschätzung des US Geological Survey (USGS) handelt es sich bei den Ereignissen um eine Erdbeben-Dublette. Das bedeutet, dass zwei Beben mit ähnlicher Magnitude kurz hintereinander folgen und deutet oft auf die Aktivierung verschiedener Bruchzonen hin. Weitere, teils starke Nachbeben sind zu erwarten. Es besteht zudem eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass sich nochmals ein ähnlich grosses oder gar grösseres Beben ereignet.
Die Beben von vergangener Nacht haben sich an der Grenze der karibischen Platte im Norden und der südamerikanischen Platte im Süden ereignet. Die karibische Platte bewegt sich jedes Jahr um etwa 2 Zentimeter nach Osten, relativ zur südamerikanischen Platte, was enorme Spannungen im Untergrund aufbaut, die sich in Form von Erdbeben entladen.
Venezuela wurde in den vergangenen vier Jahrhunderten immer wieder von zerstörerischen Erdbeben betroffen. Laut den Einträgen im nationalen seismischen Katalog gab es etwa 180 Erdbeben, die im Land Schäden unterschiedlicher Art verursacht haben. Das bisher verheerendste Erdbeben mit vergleichbarer Magnitude ereignete sich am 26. März 1812 entlang des Boconó-Verwerfungssystems. Es führte zu weitreichenden Zerstörungen in den Städten Mérida und Caracas und forderte schätzungsweise 30.000 Menschenleben.
Aktuellen Berichten zufolge sind viele Gebäude eingestürzt, weshalb von sehr vielen Verletzten und Todesopfern auszugehen ist. Videos aus den sozialen Medien zeigen, dass die Zerstörung sehr grossflächig ist und unter anderem auch die etwa 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Caracas betrifft, wo beispielsweise Schäden am Flughafen auftraten und auch Todesopfer vermeldet wurden. Die Lage vor Ort ist nach wie vor sehr unübersichtlich, unter anderem, weil auch die mobile Kommunikation nicht funktioniert. Erfahrungsgemäss wird es mehrere Tage dauern, bis ein genaueres Bild der Schäden besteht und mehrere Wochen bis Monate, bis das gesamte Ausmass beziffert werden kann.
In der Schweiz ist ein Beben dieser Grössenordnung sehr unwahrscheinlich, da die bekannten Verwerfungen im Untergrund nicht lang genug sind. Alle 50 bis 150 Jahre müssen wir aber mit einem Beben der Magnitude 6 rechnen. Ein solches setzt rund 180-mal weniger Energie frei als eines der Magnitude 7.5, dennoch wäre mit grossen Schäden sowie erheblichen menschlichen und finanziellen Verlusten zu rechnen.