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Das Projekt GANSSER

Das Königreich Bhutan liegt im östlichen Himalaya. Seine geographische Abgeschiedenheit unterstreicht das Land durch eine selbstbestimmte Isolation: Ausländer dürfen das Land nur in begrenzter Anzahl und unter Führung lokaler Reisebüros besuchen. Diese Einschränkungen zielen darauf ab, die Traditionen und die kulturelle Unberührtheit zu bewahren. Sie haben den Nebeneffekt, dass verglichen mit den umliegenden Gebieten, wenig über die Beschaffenheit des geologischen Untergrunds von Bhutan bekannt ist.

Bhutan stellt daher weltweit einer der wenigen blinden Flecken dar, wo kaum Kenntnisse über die seismische Gefährdung vorliegen. Dies trotz seiner Lage im Himalayagebirge, das aufgrund des fortwährenden Zusammentreffens zweier Kontinentalplatten jährlich um etwa zwei bis vier Zentimeter wächst. In solchen Gebieten herrscht in der Regel eine erhöhte Erdbebengefährdung. Davon zeugt eine Vielzahl stärkerer Erdbeben, die grosse Regionen im Himalaya verwüsteten. Davon ausgenommen waren in den vergangenen 120 Jahren der Westen Nepals sowie Bhutan. Dies wirft die Frage auf, ob in diesen Gebieten tatsächlich eine tiefere Erdbebengefährdung herrscht, oder ob es in diesem Zeitraum aussergewöhnlich ruhig war.

Installation eines temporären seismischen Netzwerks in Bhutan

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, installiert und betreut der Schweizerische Erdbebendienst (SED) in Zusammenarbeit mit der Gruppe Seismologie und Geodynamik der ETH Zürich im Jahr 2013 ein temporäres seismisches Netzwerk in Bhutan. Die damit gewonnenen Daten helfen, die Beschaffenheit von Erdbeben in diesem Gebiet besser zu verstehen. Sie dienen auch dazu, mehr über die lithosphärischen Strukturen im Himalayagebirge zu erfahren. Dank der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) können die Seismologen der ETHZ an eine lang bestehende Schweizer Forschungstradition in Bhutan anknüpfen. Vor bald 30 Jahren schloss der im Jahr 2012 verstorbene Augusto Gansser die erste geologische Kartierung des Landes ab.

Ein Team von Seismologen und Techniker reist bereits am 7. Januar 2013 nach Bhutan, um 38 Seismometer zu installieren. Im Laufe des Jahres stellen weitere Expeditionen sicher, dass die Stationen gewartet werden und der Datenfluss funktioniert. Zwei Personen erhalten die Möglichkeit, die so erfassten Daten im Rahmen einer Doktorarbeit auszuwerten. Der freundschaftliche Kontakt zum geologischen Dienst in Bhutan gewährleistet zudem, dass die gewonnenen Kenntnisse direkt dem Land zugutekommen.

Seit dem 7. Januar 2013 weilt ein Team des SED in Bhutan, um in Zusammenarbeit mit der Gruppe Seismologie und Geodynamik der ETH Zürich ein temporäres seismisches Netzwerk zu errichten. Das vom Schweizer Nationalfond (SNF) finanzierte Forschungsprojekt führen wir mit tatkräftiger Unterstützung und in Begleitung unserer Bhutanesischen Kollegen durch, welche die so gewonnenen Daten als Grundlage für weitere Projekte verwenden (z. B. Erstellen einer Erdbebengefährdungskarte). An dieser Stelle publizieren wir täglich kurze Texte über die Arbeit und das Leben in Bhutan, die wir von unseren Kolleginnen und Kollegen per SMS oder Email erhalten.

Hintergrundinformationen zum Projekt GANSSER erhalten Sie weiter unten auf dieser Seite sowie auf der Projektwebseite.

Bhutans Sicht auf das Projekt GANSSER thematisiert ein Artikel in der meistgelesenen Tageszeitung des Landes.

Freitag, 1. Februar 2013 (György Hetényi)

Nachdem wir unsere letzte Station an einem improvisierten Standort in der Nähe von Thimphu installiert sowie eine Kabelreparatur einem anderen Ort vorgenommen haben, sind wir etwas entspannter! Heute ist unser letzter Tag in Bhutan, den wir vornehmlich damit verbracht haben, das verbleibende Material zu verstauen. Die restliche Zeit nutzten wir, um uns noch ein wenig in der Hauptstadt umzusehen. Danach ging es weiter nach Paro, ein Dorf, das nahe beim Flughafen liegt. Morgen früh machen wir uns auf die Heimreise und hoffen, dass alle Stationen fehlerfrei laufen, bis wir im April für einen ersten Kontrollbesuch zurückkehren.

Mittwoch, 30. Januar, 2013 (Katrin Plenkers, Team West)

Wir näheren uns dem Ende unserer Expedition und müssen bis dahin noch drei Stationen fertigstellen. Unsere bhutanesischen Kollegen sind dabei eine unerlässliche Hilfe. Sie haben überall Kontakte und finden im Nu einen Elektriker, der beispielsweise eine Steckdose einsetzt. Neben der Arbeit amüsieren sie sich, dass wir nach wie vor nur geringe Mengen an Chili vertragen. Wobei gestern Abend war der Chilisalat so scharf, dass er sogar den Einheimischen Tränen in die Augen trieb.

Montag, 28. Januar, 2013 (Katrink Plenkers, Team West)

Nach einer nach in Thimpu fuhren wir in südlicher Richtung, um dort die Stationen bhw04, bhw05 sowie bhw06 anzubringen. Gestern installierten wir bhw08 in einem Spitalgebäude, das nur für spezielle Anlässe wie Impfaktionen, Weiterbildungen und Wahlen benötigt wird. Es steht die meiste Zeit leer, was für unsere Messungen von grossem Vorteil ist. Wir genossen bei der Installation den Sonnenuntergang in der wunderbaren Umgebung mit verschneiten Berggipfeln.

Sonntag, 27. Januar, 2013 (Men-Andrin Meier, Team Ost)

Nach einem ständigen Auf und Ab befahren wir nach drei Wochen zum ersten Mal wieder eine flache Strasse. Wir befinden uns derzeit in Samdrup Jongkhan, einem Ort an der indischen Grenze. Hier planen wir die beiden südöstlichsten Stationen des Ostnetzwerkes anzubringen. Die von Zuhause aus recherchierten möglichen Standorte führten uns zu einem Gefängnis sowie einem Krematorium. Wir würden eine Schule bevorzugen und versuchen es nun zuerst dort..

Samstag, 26. Januar, 2013 (Men-Andrin Meiner, Team Ost)

Derzeit frühstücken wir in Wamrong und nehmen frisch gestärkt die Installation zweier weiterer Stationen in Angriff. John und Gayley müssen nochmals zur Station bhe05 zurückfahren, weil ein zu grosses Loch ausgehoben worden ist. Wir sind aber gut in der Zeit und werden alles rechtzeitig abschliessen!

Donnerstag, 24. Januar 2013 (Men-Andrin Meier, Team Ost)

Heute sind wir nochmals auf den kleinen Berg bei Trashigang gefahren, um einige Probleme bei der Gestern installierten Station zu beheben. Erneut unterstützte uns die lokale Gemeinschaft mit vollem Elan. Weiter südlich bauten wir zudem Station bhe06. Morgen fahren wir in die Nähe der indischen Grenze und arbeiten uns von da aus in nördlicher Richtung hoch.

Donnerstag, 24. Januar 2013 (Katrin Plenkers, Team West)

Wir fühlen uns sehr geehrt, diese Nacht in einem Gasthaus des Königs oberhalb von Damphu verbringen zu dürfen. Es liegt abgelegen auf einem Hügel eingebettet in einen Wald. Wir werden im Personalhaus übernachten, das mit Ausnahme der kunstvoll bemalten Holzwände einfach gehalten ist. Wir geniessen die Ruhe und die exotischen Vögel, welche sich hier tummeln. Diese Aspekte machen den Ort zu einem perfekten Standort für unsere Station bhn03, die wir in einer verlassenen Scheune unterbrachten.

Mittwoch, 23. Januar 2013 (Men-Andrin Meier, Team Ost)

Um den Standort der Station bhe09 zu erreichen, haben wir heute geschätzte 100 holprige Haarnadelkurven überwunden. Auf dem kleinen Berg angekommen, trafen wir auf ein idyllisches Dorf mit Bauernfamilien, die sich freuten, an einem Forschungsprojekt mitarbeiten zu dürfen. Die ungefähr 15 Männer, Frauen und Kinder unterstützen uns dann auch tatkräftig, indem sie selbst Hand anlegten und uns zusätzlich Tee und einen Imbiss anboten. Gerne bedankten wir uns für die Hilfe mit einem kleinen Zustupf zum sogenannten "community budget".

Dienstag, 22. Januar 2013 (Men-Andrin Meier, Team Ost)

Die eine Hälfte der Gruppe ist nach Trashigang zurückgekehrt, um Instrumente und Material aufzuladen. Die andere hat heute in Trashiyangtse nahe der chinesischen Grenze eine neue Station (bhe14) errichtet. Sie bleiben über Nacht dort, weil der Rückweg zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde.

Dienstag, 22. Januar 2013 (Eszter Kiraly, Team West)

Nach langem Warten auf die Schlüssel und den Elektriker konnten wir am Ende doch noch zwei weitere Stationen in Schulhäusern anbringen. Mit einem Direktor tranken wir zur Feier des Tages leckeren Tee mit Kaffeegeschmack. Nun sind wir auf dem Rückweg nach Wangdue.

Halbzeit: wie ein temporäres seismisches Netzwerk in Bhutan entsteht

Nach intensiver Vorbereitung verschifften wir die benötigten Instrumente im Herbst 2012 nach Bhutan, um zu Beginn des neuen Jahres mit unserer Feldarbeit zu beginnen. Seit dem 9. Januar 2013 arbeiten acht Seismologinnen und Seismologen (sechs Personen von der ETH Zürich und je eine Person aus Frankreich und den USA) bis Ende Monat an der Installation von 39 seismischen Breitbandstationen, die über ganz Bhutan verteilt werden. In den nachfolgenden Zeilen fasst György Hetényi die Erlebnisse der ersten Expeditionshälfte zusammen:

Die ersten Tage verbrachten wir damit, unseren Jetlag zu überwinden und weiteres Material aufzutreiben. Eine grosse Herausforderung bestand darin, Sand zu beschaffen: Im Flussbett fand sich nicht genügend und ansonsten stand lediglich eine ganze Lastwagenfüllung im Angebot, was unseren Bedarf um etwa das 20-fache überschritten hätte. Am Ende gelang es uns bei der Baustelle für den obersten Gerichtshof ein paar gefüllte Sandsäcke gegen leere, aber qualitativ hochstehende Sandsäcke zu tauschen. Weiter bangten wir darum, 40 Autobatterien und 30 grosse Plastikfässer nicht rechtzeitig aus Indien zu erhalten. Sie trafen am Ende glücklicherweise nur mit leichter Verspätung ein. Am Wochenende des 12. Januar waren alle Vorkehrungen abgeschlossen und wir begannen mit den Feldarbeiten.

Dafür teilten wir uns in zwei Gruppen mit je zwei Fahrzeugen auf. Das „Ost“ Team erhielt den Auftrag 18 Stationen zu installieren und das „West“ Team 20. Letzteres installierte zuerst eine Station in der Nähe von Thimphu und fuhr dann ein Tal weiter, um in den folgenden drei Tagen (14.–16.01) die nördlichsten Stationen des Netzwerkes anzubringen. Bisher verlief alles reibungslos: Hausbesitzer willigten beispielsweise gerne ein, Stationen in privaten oder öffentlichen Gebäuden unterzubringen. Unsere Bhutanesischen Kollegen verhandelten zudem geschickt neue Standorte und die Fahrer assistierten sogar beim Bau von Stationen. Das bis anhin grösste „Problem“ bestand darin, dass wir eines Morgens kein Wasser im Hotel hatten und einige Strassen etwas gar holprig sind. Wir liegen gut im Zeitplan und hoffen, es gehe im gleichen Tempo weiter.

Montag, 21. Januar 2013 (Men-Andrin Meier, Team Ost)

Anstelle der vorhergesagten Schneefälle schien auch heute die Sonne und wir konnten bei herrlichem Wetter arbeiten. Das Team, welches sich der nordöstlichsten Station des Netzwerks annehmen wollte, blieb heute auf einer schlammigen Strasse stecken und musste umkehren. Wir versuchen es Morgen nochmals!

Montag, 21. Januar 2013 (Katrin Plenkers, Team West)

Gestern auf dem Rückweg von den Stationen "bhw08" und "bhw09" stoppte unserer Fahrer unvermittelt und verneigte sich Mitten auf einer Bergstrasse. Das einzige, was wir sahen, war ein Radfahrer in sportlicher Montur, der an uns vorbei fuhr. Es stellte sich heraus, dass wir soeben den früheren König gekreuzt hatten. Der König und seine Errungenschaften sind in Bhutan hoch angesehen.

Sonntag, 20. Januar 2013 (Men-Andrin Meier, Team Ost)

Heute in Trashiyangtse im Nordosten von Bhutan angekommen. Wir haben bereits vier Stationen in Zentralbhutan errichtet und heute die ersten zwei von insgesamt 14 Stationen im Osten. Land und Leute sind sehr eindrücklich, das Leben relativ einfach, aber die wichtigsten Dinge scheinen vorhanden zu sein. Vieles funktioniert hier, wonach man in anderen Ländern vergeblich sucht. Beispielsweise freier Zugang zu Bildungs- und Gesundheitswesen sowie ein sorgsamer Umgang mit der Umwelt.

Samstag, 19. Januar 2013 (Katrin Plenkers, Team West)

Schnee in Thimhu. Leute aller Altersklassen liefern sich Schneeballschlachten. Beim ersten Schneefall im Jahr erhalten alle frei. Geschieht nicht jedes Jahr. Zum Glück sind alle Läden offen und wir können Kabel und Holz kaufen, um heute eine weitere Station zu installieren.